Respekt

In einer Gruppe fortgeschrittener Schüler kam die Rede auf die Unterrichtsmethoden von Guo Bingsens Meister. Dieser hatte seine Schüler – wie in China auch heute wieder üblich – selbst ausgesucht und lehrte nach strengen Kriterien: wer – aus welchen Gründen auch immer – eine zeitlang im Üben nachließ, wurde freundlich aufgefordert, doch lieber wieder mit dem Qigong aufzuhören. (Usw. Mehr dazu hier.)

Meister Guo passte den Unterrichtsstoff an westliche Gepflogenheiten an und öffnete die Dao Yuan Schule für alle, die sich an den Inhalten interessieren. Dennoch möchte man als Lehrer gerne, dass die Schüler ein optimales Ergebnis erreichen. Dazu gehören auch Korrekturen der Standposition.

Diese war in der genannten Gruppe bei einigen Teilnehmern verbesserungsfähig. Um direkte Kritik zu vermeiden, erzählte ich von einem neuen Teilnehmer, der strengere Methoden nachgerade einforderte und sich hiervon ein besseres Ergebnis versprach.

Die Kritik kam bei den eigentlich schon sehr fortgeschrittenen Schülern dennoch an und wurde bemängelt. Die einprägsamste Reaktion war vielleicht eine Bemerkung derart, dass man nun doch schon so lange dabei sei und diese Kritik dem doch sehr wenig Respekt entgegenbringe.

Worum handelt es sich hier? Um mangelnden Respekt gegenüber dem fortgeschrittenen Status einiger Teilnehmer? Oder um das Selbstgefühl, bereits ein hohes Niveau erreicht zu haben?

Wer im Qigong von sich meint, ein hohes Niveau erreicht zu haben, wird es schwer haben, ein noch höheres Niveau zu entwickeln: wer ausgelernt hat, hat ausgelernt. Das ist im Qigong nicht anders, als in anderen Bereichen.

Wie ich gehört habe, werden z.B. im Tanz die Anfänger oft gar nicht oder nur selten korrigiert. Kritik erhalten insbesondere die besseren unter den Fortgeschrittenen. Einigen gilt Kritik dort sogar als Lob.

Im Tanz kann man sich weit nach oben entwickeln. Doch ist diese Entwicklung beschränkt durch die begrenzten Möglichkeiten des menschlichen Körpers.

Im Qigong gibt es keine Grenze der Entwicklungsmöglichkeiten nach oben.

Respekt vor dem Geist des Anfängers.