Einige Aspekte des Qigong

Qigong: Säule und Quelle der Chinesischen Medizin

Qigong wird häufig – neben Akupunktur, Heilkräutern, Diätetik und Tuina, als ‘eine der Säulen der Chinesischen Medizin’ bezeichnet. Manchmal werden auch Feng Shui und Astrologie als weitere ‘Säulen’ genannt. Die Entwicklung dieser Künste basiert zu weiten Teilen auf dem Yi Jing1.

Die Einsichten des Yi Jing wiederum verdanken sich einigen Autoren zufolge dem Qigong:

„…Das chinesische Qigong blickt auf eine mindestens 5000-jährige Geschichte zurück und Generationen von Menschen haben Qigong gelernt, praktiziert und davon profitiert. … Qigong ist im Altertum entstanden. Viele Ergebnisse des Qigong, wie z.B. die Lehre von den Acht Trigrammen2 und das Yi Jing3 haben die Grundlagen der chinesischen Kultur gelegt. Diese Grundlagen beinhalten die Herausbildung der Schrift, die Entdeckung der Kräutermedizin4 und die Entstehung verschiedener Formen der Kunst…“

So Prof. Lu Zuyin5 im ersten Kapitel des Buches ‘Scientific Qigong Exploration’.6

Ergebnisse des Qigong

Doch was ist nun ‘ein Ergebnis des Qigong’? – Dies hängt davon ab, in welchem Zusammenhang sich seine Übungen befinden. Immer basieren deren Ergebnisse auf der Entwicklung des Qi7, welches ab einem gewissen Niveau zu verschiedenen Zwecken ausgesendet werden kann: In den Kampfkünsten führt dies auf einem hohen Qi-Niveau zur Fähigkeit, den Gegner durch Qikraft zu besiegen. Im Konfuzianismus mit seiner Neigung zu den Künsten wurde es auf und durch die entstandenen Kunstwerke ausgesendet, so dass der Betrachter deren energetischen Nuancen wahrnehmen konnte. Im heilenden Kontext ermöglicht es dem Alltagsverstand und auch dem der westlichen Medizin nicht nachvollziehbare, aber evidente Veränderungen.

You Wei und Wu Wei

Man muss also bestimmte Übungen praktizieren, um zu den möglichen Ergebnissen des Qigong zu gelangen. Diese Übungen sind lehrbar: man bekommt sie gezeigt und erklärt und man versucht, sie so gut wie möglich aufzufassen und zu praktizieren. Lehren und Lernen gehören zum Shi-Shen, dem Geist des Wissens. Lehrer und Schüler ‘machen’ etwas dabei: alle Qigongübungen, die gelehrt und gelernt werden können entsprechen dem You Wei, dem ‘Machen’.

Ihr Ergebnis jedoch entspringt dem Wu Wei: dem ‘Nicht-Machen’.

Ohne Übungen des You Wei kann man das Wu Wei nicht erreichen. Das Wu Wei gehört zum Yuan-Shen, dem Ursprungsgeist. Dessen Bewegungen sind nicht vorhersehbar oder gedanklich präfigurierbar.

Qigong: ein weit gefasster Oberbegriff

‘Qigong’ ist ein Oberbegriff für eine bis heute nicht bekannte Anzahl von seit Jahrtausenden in China überlieferten Übungssystemen, welche es ermöglichen, Qi in großen Mengen aus dem Kosmos aufzunehmen und dieses in verschiedenen Modalitäten zu unterschiedlichen Zielen zu entwickeln. Heute werden darunter außerdem Übungen verstanden, welche die Zirkulation von Qi und Blut im Körper verbessern: auch diese basieren auf der Erfahrung und der Kenntnis des Qi. Sie machen den Körper geschmeidig, so dass Qi gut in den Meridianen zirkulieren kann, sie können mithilfe der Vorstellung das Qi im Körper lenken und den Geist beruhigen. Die Aufnahme von sehr viel kosmischem Qi und dessen Transformation im Körper ermöglichen sie nicht. Diese Transformation des Qi im Körper ist jedoch erforderlich, um bestimmte Möglichkeiten des Qigong zu erreichen.

Auch Übungen zur Kultivierung des Geistes – genauer gesagt: der Kultivierung von ‘Xing’ (Natur, Geist) und ‘Ming’ (Leben) – zählen traditionell zum Qigong. Sie können das goldene Dan entwickeln. Dies wiederum ist alleine mit Übungen zur Transformation des Qi nicht möglich.

Qigong in der chinesischen Öffentlichkeit

„…Vor etwa 2000 Jahren8 hat sich Qigong in seiner reinen Form aus der chinesischen Gesellschaft zurückgezogen. … 1966, während der Kulturrevolution, wurde Qigong den ‘Vier Alten’ zugerechnet (alte Ideen, alte Kultur, alte Sitten, alte Gebräuche). Qigong und Qigongmeister wurden unterdrückt. Keiner wagte es, in der Öffentlichkeit Qigong zu lehren oder zu üben. … Erstaunlicherweise wurde das Qigong direkt nach dem Ende der zerstörerischen Kulturrevolution wundersam wiederbelebt. Die neue Akzeptanz des Qigong im Mainstream der Gesellschaft ergab sich aus der Tatsache, dass Qigong den Menschen in ihren körperlichen und geistigen Gesundheitsproblemen, die sie aus der Kulturrevolution davongetragen hatten, eine effektive Hilfe war. …“

– So noch einmal der bereits genannte Prof. Lu Zuyin.

Einer der bekanntesten Qigongmeister, die damals versuchten, das Qigong auf einem hohen Niveau in die chinesische Öffentlichkeit zu bringen, war Dr. Yan Xin: ein Arzt, der bereits ab seiner Kindheit von verschiedenen Meistern im Qigong ausgebildet worden war. Aufgrund seiner unglaublichen Heilungserfolge wurde er von seinen Kollegen ‘der Wunderdoktor’ genannt. In Peking führte Prof. Lu Zuyin verschiedene Untersuchungen zu den Wirkungen des Qigong mit ihm durch.

Die Studien von Prof. Lu Zuyin

Im Gegensatz zu vielen anderen Studien, welche schwerpunktmäßig die Auswirkungen von Qigong auf die Übenden untersuchen, beschränkte sich Prof. Lu auf die Untersuchung der Wirkungen von ausgesendetem Qi auf Materie. Dr. Yan Xin sendete sein Qi zunächst aus der Nähe, später auch aus Entfernungen von bis zu 2000 km auf verschiedene Versuchsaufbauten aus: es ergaben sich immer bemerkenswerte Veränderungen der ‘bestrahlten’ biologischen und chemischen Substanzen. Die euphorische Einschätzung von Dr. Qian Xuesen, dem Vorsitzenden des Chinesischen Nationalverbandes der Wissenschaftler, zu diesen Ergebnissen: hier handele es sich um „neue wissenschaftliche Entdeckungen, das Vorspiel einer wissenschaftlichen Revolution, die mehrere Nobelpreise hervorbringen kann“9 wurde damals von vielen geteilt, von Prof. Lu Zuyin jedoch auch etwas relativiert: „Unsere letzten Qigongexperimente haben Fragen aufgeworfen, die man kaum mehr mit den derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnissen erklären kann.“10

Heilen

Bestritten von manchen, welche sie nicht kennen, ist die Erfahrung, dass Qi auch über sehr weite Entfernungen ausgesendet werden kann. Denen, die sie haben, ist sie nicht von der Hand zu weisen: die Absolventen des 3. Teils des an der Dao Yuan Schule gelehrten Nei Jing Gong sind fast immer in der Lage, Qi über mehrere tausend Kilometer auszusenden. Überprüft wird diese Fähigkeit durch Qi-Aussendungen auf den Sendern nicht bekannte Personen. Für gewöhnlich nehmen die Empfänger dabei sehr deutliche, individuelle Reaktionen wahr. Dies sind z.B.: eine allgemeine oder auch teilweise Erwärmung des Körpers, ein Gefühl von Leichtigkeit oder auch Bewegungsreaktionen.

Nei Jing Gong kann die Fähigkeit entwickeln, spontan Qi in den je erforderten Qualitäten auszusenden, wie etwa kühles Qi zur Versorgung von Verbrennungen oder schwarzes Qi zur beschleunigten Heilung von Knochenbrüchen und zur Fixierung von Krebs. Darüber hinaus schützt es die Sender vor Qiverlusten. So wäre es ein ideales Qigong für Therapeuten und Heiler.

Es wirkt aus dem Wu Wei, dem Nicht-Tun. Man muss sich beim Senden nicht einmal etwas Bestimmtes vorstellen und bedarf auch keines Behandlungsplanes. – Letzteres ist speziell für Therapeuten manchmal nicht so leicht zu realisieren; funktioniert es dann aber doch, so sind Erstaunen und Freude umso größer.

Geheilt werden

Nicht wenige der in medizinischen Berufen tätigen Personen werden ab einem bestimmten Alter von ihrem Beruf ermüdet: sie geben zu viel Qi, sie haben zu viel verbrauchtes Qi von ihren Patienten aufgenommen. Hier können manche Anfängerstufen des traditionellen Qigong hilfreich sein, denn diese kräftigen regelmäßig zunächst die Gesundheit der Übenden. – So auch das Nei Jing Gong; da dieses jedoch zügig auf die Fähigkeit hinarbeitet, Qi stark und weit auszusenden, wird es zu Beginn von manchen Übenden als zu heftig empfunden. Stattdessen bevorzugen viele Schüler der Dao Yuan Schule im Bereich ‘eigene Gesundheit’ das Fan Teng Gong. Auch dieses Qigong wirkt aus dem Wu Wei: es wirkt aus der Logik des Qi, nicht aus dem Wollen des Übenden oder des Arztes. Die Logik des Qi ist individuell: alle praktizieren die gleichen Übungen – die Wirkungen entsprechen jedoch der eigenen energetischen Situation. In China nannte man das Fan Teng Gong „Qigong bei schwer therapierbaren Krankheiten, insbesondere bei Krebs“.

Ist man dann aber gesundet und verjüngt, können es Formen wie das Nei Jing Gong ermöglichen, zu den helfenden Idealen zurück zu gelangen, die oft am Anfang der Wahl eines therapeutischen Berufes stehen.

Energiefeld

Eine Stärkung für alle – Übende und Nicht-Übende gleichermaßen – kann das Energiefeld sein. Dieses wurde von Meister Lu Xuezhi, der das Fan Teng Gong in China bekannt gemacht hat, regelmäßig parallel zu seinem Unterricht durchgeführt, da es die Ergebnisse des eigenen Übens deutlich verbessern kann. Beim Energiefeld strömen kosmisches Qi und kosmische Information in den Raum. Die Teilnehmer bleiben passiv und lassen das Feld auf sich wirken. In der kosmischen Information kann ALLES enthalten sein; die Teilnehmer nehmen auf, was sie brauchen und wozu sie eine Affinität besitzen.

Auch die Dao Yuan Schule führt dieses Art von Energiefeldern durch11. Nach einem Energiefeld für Personen in therapeutischen Berufen berichteten Teilnehmer über das Auftauchen verschiedener Farben bei geschlossenen Augen (schwarz, weiß, blaugrün und violett). Die ersten drei Farben entsprechen bestimmten Organen (schwarz den Nieren, weiß den Lungen, blaugrün der Leber) – diese Energien wurden von den Teilnehmern benötigt und aufgenommen. Violett ist allgemein kosmisches Qi.

Ein Teilnehmer berichtete von einer Fontäne warmen Wassers, die vor und in ihm aufstieg und sich unter dem Kinn ins Gesicht verlief. Meister Guos Erklärung war: “Sie brauchen warmes Wasser”. Tatsächlich hatte der Teilnehmer vorher (im energetischen Sinne) etwas ‘trocken’ und auch ‘kühl’ gewirkt, danach wirkte er ‘befeuchtet’ und erwärmt.

Die Möglichkeiten des klassischen Qigong sind erst wenig erforscht und in seiner Tiefe kaum in der Öffentlichkeit bekannt. – Die Nobelpreise warten noch immer.

© Edith Guba, Dao Yuan Schule für Qigong

1Yi Jing, Das Buch der Wandlungen. (Deutsch z.B. von Richard Wilhelm.)

2Die ‘Acht Trigramme’ entspringen dem Taiji (Yin+Yang) und sind die Basis des Yi Jing.

3Das Yi Jing ist ein Modell der Konstellationen und Veränderungen von Himmel, Erde und Mensch.

4Die Entdeckung der Kräutermedizin wird in China Shennong zugeschrieben, einem der drei chinesischen Urkaiser. Shennong soll alle Kräuter auf ihre energetischen Qualitäten hin verkostet und sie entsprechend der Lehre von den Fünf Wandlungsphasen systematisiert haben. Sein daraus entstandenes Werk ‘Shennong Bencao Jing’ ist verschollen, Auszüge daraus wurden jedoch von verschiedenen Ärzten zitiert und überliefert. Seine Systematik wird in den Grundlagen bis heute verwendet.

5Lu Zuyin, 1926-1992 war ein hochrangiger Physikprofessor und Gewinner angesehener Wissenschaftspreise.

6Qigong Tansuo, Lu Zuyin, © China Science and Technology Press, Beijing,1994; englische Übersetzung 1997, ©1997 Zhu Runsheng, Scientific Qigong Exploration, Amber Leaf Press, ISBN 0-9657135-7-1; Zitate S.1ff

7Qi ist neben Jing und Shen einer der ‘Drei Schätze des Qigong’. Es wird verstanden als ‘Energie-Materie’. Dem Sinnesorgan Auge ist es nicht sichtbar, im Üben des Qigong können wir es wahrnehmen und entwickeln.

8Dies war die Zeit, in welcher der ‘Qin Shihuangdi’, der ‘Erste erhabene Gottkaiser von Qin’, die ‘Streitenden Reiche’ unterworfen und blutig geeint hatte. In der Folge organisierte er das neu geschaffene Reich rigoros durch. Er ließ die Bücher der ‘hundert Schulen’ verbrennen und verbot, sie zu diskutieren. – Der Qin Shihuangdi ist nicht zu verwechseln mit Huang Di, dem ‘Gelben Kaiser’ dem das Huang Di Nei Jing zugeschrieben wird, bis heute das wesentliche Standardwerk der chinesischen Medizin.

9Internal Qigong Cultivation, Amber Leaf Press, ISBN 0-9657135-8-X, S. 9

10Scientific Qigong Exploration, S. 265

11 Diese Art von Energiefeldern wird übertragen. Sie sind nicht erlernbar.

 

© Edith Guba

Erschienen im Jahr 2016 in der Zeitschrift „Naturheilpraxis“