Jing im Dao De Jing

Nicht vom Klassiker (Jing 经) von Dao und De soll hier die Rede sein, sondern vom Jing精 – einem der drei Schätze des Qigong: Jing 精, Qi 氣 und Shen 神.

Wir finden diesen Begriff im 21. Kapitel des Dao De Jing (Übersetzung von Guo Bingsen und Edith Guba):

21.

offenes de ein gesicht, das nur dem dao entspricht.

das dao wird zu den dingen: undeutlich unbestimmt

undeutlich unbestimmt – in der mitte sind bilder

undeutlich unbestimmt – in der mitte sind dinge

so tief, so dunkel – in der mitte ist jing

das jing ist real – in der mitte ist treue.

von heute bis in die vorzeit ist dieser name erhalten

demgemäß erkennt man den ursprung der wesen, der dinge

wie kann ich den zustand im ursprung der wesen und dinge denn wissen?

dadurch.

Der Begriff ‘Jing’ wird auch in der chinesischen Medizin verwendet und in deren Zusammenhang meistens mit ‘Essenz’ übersetzt. Diese Essenz wird in den Nieren gespeichert und bei Bedarf vom Körper in Qi transformiert: so kann sie andere Organe in ihrer Funktion unterstützen.

Übersetzer des Dao De Jing versuchen in der Regel, ein aussagekräftiges Pendant für den chinesischen Begriff ‘Jing’ zu finden. Dieses lautet beispielsweise: Keimkräfte (Backofen), Gehalt/Wesen (Feng), Geist (Fiedler), Urstoff (Geldsetzer), Fruchtbarkeit (Möller) oder Same (Wilhelm).

Der Qigong-Großmeister Guo Bingsen und Edith Guba haben ihn in ihrer Übersetzung im Original belassen: so kann die Nähe der chinesischen Philosophie zur chinesischen Medizin deutlich werden.

Im Kapitel 21 finden wir eine Theorie der Entstehung der Essenz der Dinge und Wesen aus dem formlosen Dao und erhalten gleichzeitig Einblick in die Erkenntnistheorie der chinesischen Philosophie und des Qigong.

Ermöglicht wird die Gestaltwerdung des Jing durch die Kraft des ursprünglichen De.

Die Erkenntnis der Realität des Jing ist gegründet in Treue und Treue ist der Ausdruck des Jing.

Auch im Qigong arbeiten wir mit Jing: beim Üben kann eine verstärkte Speichelbildung auftreten. Diese wird interpretiert als ‘reines Jing’, das von den Nieren aufsteigt und sich im ‘Jadeteich’, der Mundhöhle, sammelt.

Man schluckt es hinunter in den Unterbauch, um es in Qi zu transformieren und dort zu speichern. Es steht nun ergänzend zu unserem natürlichen Jing und Qi zur Kräftigung der Organe und auch zum Aussenden zur Verfügung.

Der Vers 21 des Dao De Jing spricht sowohl von der Entstehung des natürlichen Jing, als auch von der des ‘reinen Jing’ im Qigong.

© Edith Guba

Dies ist die ursprüngliche Variante des im Jahr 2016 in der Zeitschrift “Qi” erschienenen Artikels.

Zentral dabei ist: 1) Während der Praxis sich entwickelndes Reines Jing kann in Qi transformiert werden. 2) Dieses in Qi transformierte und im Unterbauch gespeicherte Reine Jing steht uns ergänzend zu unserem natürlichen Jing zur Verrfügung. 3) Dieses in Qi transformierte und im Unterbauch gespeicherte Reine Jing steht uns auch zum Aussenden zur Verfügung.